Verschwiegenheit

Verschwiegenheit © Marlen Wagner

… wie ein kaum wahrnehmbares Lächeln in den Winkeln geschlossener Augen.

verschwigenheit ist ein relativ junges Wort in der deutschen Sprache, das erst im Neuhochdeutschen verzeichnet wird. Ab dem 17. Jahrhundert wird verschwigent beschrieben als die Fertigkeit, etwas geheim zu halten und nicht durch Worte bekannt zu machen. Damit wird es abgesetzt von Schweigsamkeit, welches lediglich die Wortkargheit einer Person fasst.

Verschwiegenheit im Sinne von taciturnitas wird als Tugend beurteilt, die schwer zu erlangen und bei anderen auch schwer zu finden ist, weil sie sich eben nicht in Tat und Sprache offenbart. Als fidele silentium = treues Schweigen beschreibt Horaz eine der Tugenden, die er in den Römeroden als wieder zu Belebende beschreibt.

Verschweigen jedoch, eine weitere Facette dieses Wortes, hat eine negative Konnotation; der Verschwîger (nhd. Verschweiger) wird als meineidliche Person gesehen, die etwas verbirgt und geheim hält. Oft wird verschweigen gleichgesetzt mit lügen, denn die Wahrheit (oder was immer die einfordernde Person dafür hält) wird nicht offenbart.

Schweigen, im Sinne von ἀποσιώπησις aposiṓpēsis (griech.) / reticentia (lat.) = abbrechen, verstummen, unterbricht den Fluss der Worte, so der Sprechende von Gefühlen überwältigt, innehalten muss und wird auch als rhetorische Figur eingesetzt. Dieses Schweigen ist auch als Kunst der Andeutung bekannt, die zum Beispiel genutzt wird, um den Blick des Zensors abzulenken.

Engel sind in einer eigentümlichen Position: Als Vertraute der Menschen werden ihnen Geheimnisse unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut. Als „Ohren mit Flügeln“ sind sie sich der Brisanz dieser Verpflichtung wohl bewusst – und deshalb im andauernden Zweispalt hinsichtlich der Auskunftspflicht ihrem obersten Dienstherren gegenüber. Machen Engeln wird der geforderte Spagat zu viel – und sie fallen in die Lücke zwischen beiden Tugenden. Ihrer Flügel verlustig gegangen, wandeln sie unerkannt unter uns Menschen als Musen, stille Ratgeber. Wenn Menschen laut nachdenken, mit sich selbst reden – sie hören zu.

Marlen Wagner