Morpheus, geflügelter Traumbote I Morpheus, winged messenger of dreams

Die Nacht – Ausschnitt Fotograf: Schwarz Chronik; Lizenz CC BY-SA 4.0, via Wikimedia

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Eine Mondsichel ziert das Haupt der Nyx, der „Nacht“, die ihren Umhang sanft um den schlafenden Knaben an ihrem Knien breitet, während dieser die Finger ihrer linken Hand leicht umfasst hält. Beider Köpfe neigen sich etwas zur linken Seite, dorthin, wo ein geflügelter Jüngling in seine gehöhlte Hand flüstert. Einzig ihm, dem schlafenden Knaben, raunt Morpheus zu. Gerade erst eingetroffen scheint der Traumbote zu sein, denn noch hat er seine Flügel nicht abgelegt, noch sind beide – Knabe und Bote – nicht vollständig im Land der Träume.
Der Bote des Traums scheint sich zu vergewissern, dass der junge Mensch auch tatsächlich in Schlaf gefallen ist. Leitet der Arm der Göttin seine leise Ansprache zum Ohr des Knaben, einer Flüstergalerie gleich? Wird sie ihre Hand aus der des Schlafenden lösen, sobald der Schlaf tief genug ist, um den Übergang zum Land der Träume zu ermöglichen?

Nach Homer ist das Land der Träume ein Teil der Unterwelt:
Und sie gingen des Ozeans Flut, den leukadischen Felsen,
Gingen das Sonnentor und das Land der Träume vorüber
Und erreichten nun bald die graue Asphodeloswiese,
Wo die Seelen wohnen, die Luftgebilde der Toten.

(Homer, Odyssee 24, 10-14)

Nur dort können Menschen die Traumbotschaften empfangen. Sie wechseln von der materiellen Welt in die des Schlafes, in der die Ereignisse des Traums nicht als innerer psychischer Prozess, sondern als Erlebnisse in einer anderen Welt real wahrgenommen werden. Hier sind Interaktion mit dem Traumboten möglich, Handlung sowie Sprechen. Ist die Botschaft übermittelt, Trost gespendet und empfangen worden, Glück empfunden, verlässt der Bote den schlafenden Menschen.

Nachdem er seinen Auftrag erfüllt und das Land des Traums verlassen hat, sammelt er seine Flügel wieder ein und fliegt zu seiner Höhle zurück. Fraglich ist jedoch, ob wirklich von einem Ablegen der Flügel gesprochen werden kann, ob sich nicht vielmehr seine Gestalt, zu der die Flügel zwingend gehören, im Ganzen wandelt. Oder steht das Ablegen der Flügel für das Zurücklassen der eigenen und das Aufgehen in der angenommenen Gestalt? Welches ist dann seine ureigene Gestalt? Die eines geflügelten Dämons, der als idealer Jüngling erscheint, sobald er sich im Blick wähnt? Es ist ein wenig so, wie bei der Frage, welche Farbe ein Chamäleon habe, wenn es sich in einer Umgebung befindet, in der es nichts gibt, an das es sich anpassen kann.

Morpheus und seine Brüder Phobetor und Phantasos, sind die Söhne von Nyx, der Nacht.
Nyx die Nacht aber gebar den Moros das schreckliche Verhängnis
Ker die dunkle Raffende · Thanatos den Tod · Hypnos den Schlaf
und die vielen Träume der Oneíren – ohne dass ihr ein Gott beigewohnt hätte.
die finstere Nacht gebar auch Momos den Zweifel Oizys die schmerzende Not

(Hesiod Theogonie 208-210, Übersetzung Raoul Schrott)

Die vaterlosen Brüder sind Traumgötter, sie fungieren als Mittler zwischen Menschen und Göttern. Ihre Botschaften gelten meist Herrschern und Königen, sind jedoch oft trügerisch. Einst erbat Apollon von Zeus die Gabe der unfehlbaren Prophetie, die ihn, einmal erhalten, so arrogant machte, dass Zeus, um ihm Einhalt zu gebieten, die Wahrträume erschuf. Nun konnten die Menschen, ohne an Apollon appellieren zu müssen, eigenmächtig die Zukunft in ihren Träumen schauen. Apollon, entmachtet, flehte Zeus an, die Prophetie möge nicht gänzlich durch Wahrträume ersetzbar sein. Zeus, der Apollons Entschuldigung annahm, schickte nun falsche Träume zu den Menschen, die sich daraufhin erneut Apollon zuwandten.

Denn es sind, wie man sagt, zwei Pforten der nichtigen Träume:
Eine von Elfenbein, die andre von Horne gebauet.
Welche nun aus der Pforte von Elfenbeine herausgehn,
Diese täuschen den Geist durch lügenhafte Verkündung;
Andere, die aus der Pforte von glattem Horne hervorgehn,
Deuten Wirklichkeit an, wenn sie den Menschen erscheinen

Odyssee XIX, 560ff., Übersetzung: Johann Heinrich Voß

© Fraktalwerk

In den erweiterten Chemnitzer Schlossteichanlagen stehen die Figurengruppen „Vier Tageszeiten“ nach den prämierten Entwürfen von Johannes Schilling. Der deutsch-böhmische Bildhauer Franz Schwarz führte die Skulpturen aus, die 1868 und 1871 am nördlichen Aufgang der Brühlschen Terrasse in Dresden aufgestellt werden. 1898 gehen sie als Geschenk König Alberts an die Stadt Chemnitz , müssen dort ihren Standort wechseln, bis sie 1936 vor der Brunnenanlage im Chemnitzer Schlossteichpark ihren endgültigen Platz finden. Sie sind sämtlich in beklagenswertem Zustand: Ihre nachträgliche Vergoldung, die vielfachen Widerspruch hervorrief, ist an vielen Stellen abgeplatzt und erfüllt ihren Zweck als Schutz gegen Verwitterung in keiner Weise. Schwarze Flecken verunstalten die Oberflächen und verzerren die Gesichtsausdrücke der Gestalten. Nach zwei Restaurierungen 2010/11 und 2017 tragen sie nun eine Schicht aus Silikonharz, die die Figuren nicht nur schützt, sondern auch die ursprüngliche Sandsteinoberfläche imitiert.

Marlen Wagner

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Morpheus, winged messenger of dreams

Die Nacht – Ausschnitt Fotograf: Schwarz Chronik; Lizenz CC BY-SA 4.0, via Wikimedia

A crescent moon adorns the head of Nyx, „Night“, who gently spreads her cloak around the sleeping boy at her knees, while he lightly grasps the fingers of her left hand. Both heads tilt slightly to the left, to where a winged youth whispers into his cupped hand. Only to him, the sleeping boy, Morpheus murmurs. The dream messenger seems to have just arrived, for he has not yet shed his wings, nor are both – boy and messenger – fully in the land of dreams.
Just now the messenger of the dream seems to be making sure that the man has indeed fallen asleep. Does the arm of the goddess guide his soft speech to the ear of the boy like a whispering gallery? Will she release her hand from that of the sleeper as soon as the sleep is deep enough to allow the passage to the land of dreams?

Past the streams of Oceanus they went, past the rock Leucas, past the gates of the sun and the land of dreams, and quickly came to the mead of asphodel, where the spirits dwell, phantoms of men who have done with toils.
(Homer, Odyssey 24, 10-14)

Only there can humans receive the dream messages. They change from the material world to that of sleep in which the events of the dream, which are not perceived as an inner psychic process, but as experiences in another world, are real. Here interaction with the dream messenger is possible, action as well as speech. Once the message has been conveyed, comfort given and received, happiness felt, the messenger leaves the sleeping person.

After he has fulfilled his mission and left the land of dreams, he gathers his wings again and flies back to his cave. It is questionable, however, whether we can really speak of a shedding of the wings, whether his form, to which the wings necessarily belong, does not rather change as a whole. Or does the discarding of the wings stand for the leaving behind of one’s own and the rising into the assumed form? What then is his very own form? That of a winged demon who appears as an ideal youth as soon as he imagines himself in view? It is a bit like the question of what colour a chameleon is when it is in an environment where there is nothing to adapt to.

Night bore also hateful Destiny, and black Fate, and Death; she bore Sleep likewise, she bore the tribe of dreams; these did the goddess, gloomy Night bear after union with none. Next again Blame [Mōmos], and Care full-of-woes
(Hesiod, Theogony 210-215)

The fatherless brothers are dream gods, they act as mediators between humans and gods. Their messages are mostly for rulers and kings, but are often deceptive. Once Apollo asked Zeus for the gift of infallible prophecy, which, once received, made him so arrogant that Zeus, in order to stop him, created the truth dreams. Now, without having to appeal to Apollo, people could see the future in their dreams on their own authority. Apollo, deprived of his power, begged Zeus not to allow prophecy to be entirely replaced by truth dreams. Zeus, who accepted Apollo’s apology, now sent false dreams to the people, who then turned to Apollo again.

For two are the gates of shadowy dreams, and one is fashioned of horn and one of ivory. Those dreams that pass through the gate of sawn ivory deceive men, bringing words that find no fulfillment. But those that come forth through the gate of polished horn bring true issues to pass, when any mortal sees them.
(Odyssey 19, 562–568)

© Fraktalwerk

In the extended Chemnitz Castle Ponds Area, the „Four Times of Day“ figure groups are based on the award-winning designs of Johannes Schilling. The German-Bohemian sculptor executed the sculptures. The sandstone sculptures, originally intended for the Brühl Terrace in Dresden, were donated to the city of Chemnitz in 1898 and changed their location there several times until they found their final place in front of the fountain in Chemnitz’s Schlossteichpark in 1936. They are all in a deplorable condition: their subsequent gilding, which provoked much opposition, has chipped off in many places and does not fulfil its purpose as protection against weathering in any way. Black stains mar the surfaces and distort the facial expressions of the figures. After two restorations in 2010/11 and 2017, they now wear a layer of silicone resin that not only protects the figures but also imitates the original sandstone surface.

Marlen Wagner