Engel als Mittler zwischen den Kulturen

Marlen Wagner, Schriftrolle Schrift der Engel

In den drei großen monotheistischen Religionen – dem Christentum, dem Judentum und dem Islam – spielen Engel als Boten, als Mittler zwischen Gott und Mensch eine wesentliche Rolle. Allein, dass sie in den drei Religionen erscheinen, verbindet diese miteinander. Betrachtet man ihre Erscheinungen genauer, so kann man feststellen, dass es bestimmte Engel gibt, die in mehr als nur in einer Religion auftauchen.

Sieben Erzengel zählt Rafael im Buch Tobit 12,15: „Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten“. Sieben Engelfürsten gibt es im Christentum, bis Papst Zacharias und die Synode von Rom im Jahre 745 ihre Zahl um vier vermindern und nur noch die Verehrung der biblisch bezeugten Rafael, Michael und Gabriel erlauben. 

An Uriel (אוּרִיאֵל „das Licht Gottes“/„mein Licht ist Gott“) nämlich entzündet sich der Streit zwischen den Kirchen hinsichtlich der römisch-katholischen und der ostkirchlichen Liturgie. In den kanonischen Schriften ist Uriel nicht verzeichnet, wohl aber in den rabbinischen und gnostischen Schriften und den Apokryphen. Neben Uriel erheben dort je nach Quellenlage Inias, Adin, Saboak, Simiel, Raguel, Barachael und Pantasaron Anspruch auf die vier im Christentum bis heute verworfenen Fürstentitel. Die Schar der Erzengel im Judentum umfasst außer Uriel, Rafael und Gabriel noch Chamuel, Haniel, Jophiel, Raguel, Sariel, Ramiel und Zadkiel.

Der Koran nennt nur vier malaʾika (Engel) mit Namen: Israfil, der den Tag des Jüngsten Gerichts durch einen Trompetenstoß ankündigt); den Todesengel Azrael; den für Naturereignisse zuständigen Mika’il sowie Dschibrīl (Gabriel), der als Übermittler der Offenbarung an den Propheten Mohamed dient. Verehrung wird ihnen jedoch, anders als im Christentum, nicht entgegengebracht. Denn Allah vollständig untergeordnet, abhängig von seinem Willen, können sie nichts ohne seine Weisung, nichts gegen seinen Willen tun.

Der Name Gabriel ist im Hebräischen geläufig ( גַּבְרִיאֵל) und bedeutet „Gott ist meine Kraft“, aber auch „Mann/Held/Kraft Gottes“. Er überbringt Gottes Botschaften in allen drei Religionen: In Sure 2, 97 ist es Gabriel, der den Koran als Frohbotschaft in das Herz des Gläubigen sendet. Lukas 1, 26–31 berichtet von dem Engel Gabriel, der Maria die frohe Botschaft ihrer Empfängnis Jesu kundtut. Und in Daniel 9, 21–23 überbringt er Daniel ein Gotteswort, damit er aus der Vision klare Einsicht schöpfen kann. 

Alle drei Religionen kennen auch eine Rebellion der Engel, nachdem Gott den Menschen erschuf. 

In Genesis 1 Vers 26 heißt es: „Lasset uns einen Menschen machen, nach unserem Bilde und in unserer Gestalt; und er soll herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem HimmelDen Engeln wird Psalm 8 als Antwort darauf in den Mund gelegt: „was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? 6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. 7 Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan (…).“

Die Engel verstehen hier offenbar, dass sich mit der Schaffung Adams das bisherige Verhältnis zwischen Gott und Engeln verändert wird. Der Mensch wird aus ihrer Sicht mit einer stärkeren Macht ausgestattet als sie selbst. Der Mensch und seine Nachkommen sind höhergestellt als die Engel. Deshalb rebellieren sie und wollen nicht das Knie beugen vor Adam, wie Gott ihnen befiehlt. 

In einer jüdischen Erzählung, so berichtet der Islamwissenschaftler Nicolai Sinai vom Oxforder Pembroke College, weise Gott die Engel dadurch in ihre Schranken, dass er sie auffordere, allem Getier und jeglichem Ding Namen zu geben. An dieser Aufgabe scheitern die Engel, da sie nicht mehr wissen können, als das, was Gott ihnen gesagt habe. Der Mensch, Adam, jedoch löse diese Aufgabe problemlos, sei er doch nach dem Bilde Gottes, also mit der Macht zu erschaffen, ausgestattet. Nicht als Gegenspieler Gottes, sondern als Ankläger am göttlichen Gerichtshof gegen die Menschen trete Satan im jüdischen Monotheismus auf.

Obwohl ohne eigenen Willen, rebellieren auch im Islam die Engel. Auch sie protestieren gegen die Einsetzung des Menschen als Allahs Statthalter (khalîfa) auf Erden. Der Mensch, geschaffen aus Lehm, aus Dreck, sei unvollkommen, boshaft, sagen sie. Er sei ein Wesen mit der Möglichkeit, zu wählen. Zu wählen zwischen Gut und Böse, richtig und falsch – nicht gebunden durch den Willen Gottes. Angelegt sei in ihm, die Möglichkeit sich aufzulehnen. 

Vor ihm wollen die aus reinem Licht Geschaffenen nicht niederknien. Auch Allah gelingt es, die Rebellion der Engel zu beenden. Alle Engel bis auf einen unterwerfen sich seinem Willen und verbeugen sich vor Adam. Dieser eine trägt den Namen Iblîs. Er will das Richtige tun, seine Gefolgschaft gilt ausschließlich Allah. Deshalb versteht er seine Weigerung, vor Adam zu knien, nicht als Ungehorsam gegen Allah, sondern als Beteuerung seiner Treue zu ihm. Allah jedoch verstößt ihn ob seines Hochmutes und rechnet ihn von nun an zu den Ungläubigen (Sure 2, 34). 

Den frisch erschaffenen Adam aber lehrt Allah die Namen aller Dinge, aller Lebewesen – und erhebt ihn damit über die Engel, die „kein Wissen haben außer dem, was du (Allah) uns (vorher) vermittelt hast“ (Sure 2, 32). Der Verstoßene Iblîs wird zu شيطان „Schaitan“ (Satan). Im islamischen Volksglauben lebt er fort als bösartiger Dämon, als Feind der Menschen. 

Ob die Rebellion Luzifers und sein Sturz letztendlich ebenfalls auf der Konkurrenz zwischen Engeln und Menschen hinsichtlich der Gunst Gottes beruhen, wird in der christlichen Auslegung nicht gänzlich geklärt. Ein aus der Unterlegenheit und der damit verbundenen Herabsetzung geborenes Bedürfnis, sich erneut zu erheben, mag Luzifer bewogen haben, mit Gott selbst zu konkurrieren, ihn gar zu übertrumpfen: „Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen (…)“, erklärt er in Jes 14, 13. Doch aus den Höhen des Himmels fällt er, der „schöne(r) Morgenstern (…) hinunter ins Totenreich (…) (in) die tiefste Grube“, Jes 14, 15. Als aus der Höhe des Himmels gefallener Engel wird er zum Fürsten der Tiefe, der Hölle – und als ewiger Gegenspieler Gottes diesem (folgt man den mephistophelischen Erzählungen) als sein Widerpart in gewisser Weise doch noch ebenbürtig, bezeichnet er sich doch selbst etwa in Goethes Tragödie als „Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (V. 1335–1336).

Diese literarische Aufnahme des Motivs des gefallenen Engels ist nicht unwidersprochen geblieben. So meint etwa Jürgen Drewermann, dass – etwa, wenn man an die erklärte Absicht des Iblîs denke – erkennen könne, dass im Gegenteil der Wille stets das Gute zu tun zum Bösen führe … 

Generell zeigt die Auslegungsgeschichte, dass das Licht, dass auf die Engel geworfen wird, oft ein Resultat der Deutungshoheit ist. Sie sind nicht Epiphanien an sich, sondern für jemanden, einen Beobachter. Und da dieser immer ein Mensch ist, stellt sich die Frage nach dessen Begehrlichkeit, Engel als geradlinig fügsam oder querständig rebellierend zu beobachten.

Das Buch Henoch zeigt eindringlich, mit welchen sprachlichen Mitteln ein „Schreiber der Gerechtigkeit“ seine Wahrnehmungen von „gefallenen Engeln“ in den Dienst dogmatischer Interessen stellt.

mw