Eine Geste des Eigensinns | A Gesture of Eigensinn

Eine Geste des Eigensinns, © Marlen Wagner

English below

Eigensinn wird in Wörterbüchern meist als negative Eigenschaft beschrieben. Als seine Synonyme werden unter andern genannt: Hoffart, Unart, Unflat, Unverstand, Ungeduld, Launenhaftigkeit, Willkür, Eigendünkel, Hochmut, Trotz, Halsstarrigkeit, Querköpfigkeit, Selbstsucht.
Das Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart beschreibt Eigensinn als „ungeordnete Neigung, seiner Meinung auch bey erkannter Unrichtigkeit derselben zu folgen“. Und nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm findet man gar Eigensinn bei Menschen, die sich nicht Gott überlassen wollen.
So wundert es denn nicht, dass das Märchen vom eigensinnigen Kinde, dem kürzesten Märchen in der Sammlung der Gebrüder Grimm, kein glückliches Ende nimmt.

Es war einmal ein Kind eigensinnig und that nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde darüber hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reicht in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber thaten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute auf’s Ärmchen schlagen, und wie sie das gethan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.
(Projekt Gutenberg)

Das eigensinnige Kind wird in diesem Märchen noch über seinen Tod hinaus bestraft und gezüchtigt. Gott und seine Vertreterin in Abwesenheit des Vaters, die Mutter, finden kein Vergnügen an einem Kind, das seinen eigenen Sinn so hartnäckig gegen den ihren behauptet. Indem das Kind (in meiner Vorstellung immer ein Mädchen um die fünf Jahre) daran festhält, seine Sinne gehörten allein ihm, bekundet es einen eigenen Willen, die Welt mit eben diesen seinen Sinnen zu erkunden. Es erhebt damit seinen Anspruch auf Selbstbestimmung, widersetzt sich fremden Ansprüchen und Einwirkungen von außen. Ein solches Verhalten kann der Mutter nicht gefallen, entzieht sich doch das Kind damit ihrem permanenten Zugriff, wird unabhängig und erobert sich seine eigene Welt.

Heute ist die Strafe für den eigenen Sinn nicht mehr der reale Tod durch die Allmacht Gottes – heute erfolgt die Strafe als sozialer Tod durch die Gesellschaft, in die sich Eigensinnige nicht eingliedern wollen. Hegels Aussage in der „Phänomenologie des Geistes“, der eigene Sinn sei Eigensinn, eine Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft stehen bleibe, formuliert eine Hoffnung, nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Eine Hoffnung darauf, dass Gesten wie die des eigensinnigen Kindes an vielen Stellen auftauchen und sich behaupten mögen gegen ein zu schnelles Verstehen, eine vorschnelle Zuordnung, gegen die Macht derer, die glauben, schon immer zu wissen und aus diesem Wissen eine neue Religion machen.

Robert Krokowski zeigt einen Arm, der sich aus dem alles erstickenden Schaum herausstreckt, einen Entschäumer in der offenen Hand. Der Verschäumung des freien Geistes und damit seiner Bezähmung, Kontrolle und letztlich seiner Unterdrückung entgegenzuwirken ist, so versteht es nicht nur Robert Krokowski, Aufgabe der Kunst: reale Möglichkeiten zu erträumen und Träume real werden zu lassen.

Infoamation of Gesture

Nicolás Freda schreibt zu seinem Foto: Una hermana muy hermosa la Libertad …“ (Eine sehr schöne Schwester – die Freiheit …) und spielt mit einer Liedzeile aus „Los Hermanos“ von Atahualpa Yupanqui und mit dem Namen Libertad. Freiheit, die sich empor streckt aus dem Grün, es selbst präsentierend.

Una hermana muy hermosa la Libertad ...
„Una hermana muy hermosa la Libertad …“ © Nicolás Freda

Eine Hand, die des Fotografen Nicolás Freda, taucht auf dem Foto von Delfina Idea Iocco auf aus dem Bett rostig–roter Geleise, die offene Handfläche dem Betrachter zugewandt. Soll hier ein Körper im Darunter vor dem Tod bewahrt werden? Ein Haltesignal gegeben werden?

© Delfina Idea Iocco

Marlen Wagner verweigert mit ihren Fotos der persönlichen Geste, deren Bezeichnung als Zeigegeste und hinterfragt damit nicht nur diese Interpretation, sondern Deutung allgemein.

Dies ist keine Zeigegeste; © Robert Krokowski

Marlen Wagner

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Ahead: The German word „Eigensinn“ is untranslatable. Beeing more than ambigous only its negative connotations are found in translations, the positive ones are either not understood or are omitted. Like many German words, this word is composed of two words: „Eigen“ and „Sinn“. The subtle nuances don’t come through in English (or any other language).

Eigensinn is usually described in dictionaries as a negative quality. Its synonyms include: impudence, insolence, impatience, caprice, arbitrariness, vanity, arrogance, defiance, stubbornness, querulousness; obstinacy, selfishness.
The Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart describes Eigensinn as „a disorderly inclination to follow one’s opinion even when it is recognised to be incorrect“. And according to the German Dictionary by Jacob Grimm and Wilhelm Grimm, Eigensinn is found in people who do not want to abandon themselves to God.
So it is not surprising that the fairy tale of the eigensinniges child, the shortest fairy tale in the Grimm brothers‘ collection, does not have a happy ending.

Once upon a time a child was eigensinnig and did not do what its mother wanted. That is why the Dear Lord was not pleased with it and made it sick and no doctor could help it, and in a short time it lay on its deathbed. When it was lowered into the grave and the earth was covered over it, its little arm suddenly came out again and reached up, and when they put it in and put fresh earth over it, it did not help, and the little arm always came out again. Then the mother had to go to the grave herself and beat the little arm with the rod, and when she had done that, it pulled itself in, and the child was now at rest under the earth. (Projekt Gutenberg)

The eigensinnige child is punished and chastised in this fairy tale even beyond its death. God and his representative in the absence of the father, the mother, find no pleasure in a child who so eigensinnig asserts his own sense against hers. By insisting that its senses belong to him alone, the child (in my imagination always a girl around five years old) expresses a will of its own to explore the world with these very senses. In doing so, it lays claim to self-determination and resists external demands and influences. Such behaviour cannot please the mother, as the child withdraws from her permanent control, becomes independent and conquers its own world.

Today, the punishment for one’s own sense is no longer real death by the omnipotence of God – today, the punishment is social death by society, into which the Eigensinnigen do not want to integrate. Hegel’s statement in the „Phenomenology of Spirit“ that one’s own sense is Eigensinn, a freedom that still remains within bondage (Knechtschaft), formulates a hope, no more. But no less either. A hope that gestures like that of the eigensinniges child will appear in many places and assert themselves against a too-rapid understanding, a hasty classification, against the power of those who believe they have always known and make a new religion out of this knowledge.

Robert Krokowski shows an arm stretching out of the all-suffocating foam a defoamer in the open hand. Counteracting the foam morphing of the free spirit and thus its taming, control and ultimately its suppression is, as not only Robert Krokowski understands it, the task of art: to dream real possibilities and make dreams real.

Infoamation of Gesture

Nicolás Freda writes about his photo „Una hermana muy hermosa la Libertad …“ (engl.: A very beautiful sister – freedom …) and plays with a song line from „Los Hermanos“ by Atahualpa Yupanqui and with the name Libertad. Freedom that reaches up out of the green, presenting itself.

Una hermana muy hermosa la Libertad ...
„Una hermana muy hermosa la Libertad …“ © Nicolás Freda

A hand, that of the photographer Nicola Freda, emerges from the bed of rusty-red rails in the photo by Delfina Idea Iocco, the open palm facing the viewer. Is it a waving „Hello“? Is a body underneath to be saved from death here? A signal to stop?

© Delfina Idea Iocco

Marlen Wagner’s photos of a personal gesture refuse their designation as a pointing gesture and thus questions not only this interpretation, but interpretation in general.

Dies ist keine Zeigegeste; © Robert Krokowski

Marlen Wagner