Das Augen-Spiel der Engel

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Angelus suspensus. Essays über die Geduld der Engel (7)

Sie sehen nicht, sie erinnern. Sie erinnern nicht, sie vergessen. Ihr Blick ist keine Bewegung. Aber ein Stillstand, der voranschreitet? Was wir Welt nennen, ist in ihren Augen ein Irrgang, der sich selbst weist. Die Engel greifen nicht ein, weil sie alles durchdringen. Sie lassen alles zu, weil sie nichts verändern. Sie ordnen nicht, sie verstricken die Fäden. Sie warten nicht, sie lauschen auf den Puls der Zeit. Können Engel schielen? Wenn Engel auf einem Auge blind sind – sind sie dann halbe Seher? Können Engel sehen? So viele Vorstellungen von Engeln.

Vielleicht sind Engel nicht nur Boten, sondern auch Chronisten, überbringen nicht nur Botschaften, sondern sind auch Zeugen kleiner und großer Ereignisse der Geschichte der Menschen. Als solche ähneln sie dem Chronisten Walter Benjamins, „welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden“ und „damit der Wahrheit Rechnung (trägt), daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.“ Vielleicht sind sie besondere Chronisten, die die Ereignisse der Vergangenheit in einem einzigen Blick rekapitulieren.

Rilkes Engel, Hüter des Unfassbaren, sehen alles. „Vues des anges, les cimes des arbres peut-être sont des racines, buvant les cieux.“ (Von Engeln gesehen, sind die Wipfel der Bäume vielleicht Wurzeln, den Himmel trinkend. Vergers) Für sie ist die Höhe mehr Tiefe, die Tiefe noch Unverdautes, das sich selbst viermal verschlingt, bis es einmal die Lippen benetzt. Was bleibt, ist ein Fließen, das niemals beginnt. Es rührt in der Welt, indem es ihr fernbleibt.

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt …

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, –
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Rilkes Engel kann seine Flügel erst entfalten und fliegen, als das Ich ihn loslässt, ihn freigibt. Er lernt das Schweben, sein Mensch lernt das Leben. Im gegenseitigen Erkennen werden beide frei voneinander.

Benjamins Engel, der aufgefaltete Zeuge, vollzieht den Fortschritt im Rückschritt. „Es ist ein Sturm, der vom Paradies her weht; er hat sich in seinen Flügeln verfangen.“ (Über den Begriff der Geschichte) Sein Blick hält die Zeit an sich und teilt sie zugleich in Hälften. Er sieht dann wieder Trümmer, die keine Zerstörung zulassen, und Zerstörung, die keine Trümmer kennt. Er möchte verweilen und alle miteinander einen, doch sein Verweilen läuft davon. Er sieht nicht, was ergangen ist; er sieht das, was niemals geworden wäre.

So wenig es beiträgt zum Verständnis von Menschen, von ihnen als „den Menschen“ zu sprechen, so wenig hilft es, von Engeln im verallgemeinernden Plural zu schreiben.

Denn nicht nur hat die himmlische Bürokratie sie in drei himmlischen Hierarchien mit jeweils drei Chören organisiert und damit einem jeden Engel seinen Platz und Rang innerhalb des Gesamtchores zugewiesen. Nicht vergessen werden sollen auch all die Engel, die sich abwenden von dieser Bürokratie – die abfallen, wie gesagt wird. Die, die sich aufmachen, eigene Wege zu gehen, allein oder in freien Gruppen. Die, die sich neue Aufgaben suchen, nicht länger verortbar im himmlischen Gefüge sind – sie sehen anders.

Klees Angelus Novus ist solch ein Engel – ein neuer Engel. Neu für Benjamin nicht nur im Sinne der Kabbala, die von Engelsscharen spricht, die in einem Augenblick entstehen und vergehen, das Lob Gottes preisend. Klees Engel ist Benjamin nur bei seiner Ankunft in Benjamins Zimmer eben dies, bald gibt er sich lediglich als ein solcher aus, so das Zeugnis Scholems.

Benjamins Engel der Geschichte in seiner IX. Geschichtsphilosophischen These bildet Interpretation und Abschluss seiner Engelsbetrachtung. Im Moment, in dem er Klees Angelus Novus beschreibt, wandelt dieser sich in den Engel der Geschichte. 

Dieser Engel hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewendet, die Zukunft liegt demnach hinter ihm. Befremdlich für all die, die die Vergangenheit hinter sich und die Zukunft vor sich wähnen. Vertraut ist diese Sicht denjenigen, die des Hebräischen mächtig sind. „Vergangenheit“ wird in der Sprache der hebräischen Bibel mit dem Wort לְפָנִים (lefanim/lifne) wiedergegeben, was so viel bedeutet wie „vor dem Antlitz/vorn“. Vergangenheit ist demnach etwas, was im Blick ist. Auch קֶדֶם  (qädäm) verweist auf ein vorn, auf die Vorderseite – und den Osten, die Richtung, in der der Gottesgarten liegt. Ursprung als Anfang der Zeit. In der Zeit des Endes, in der Benjamins Engel der Geschichte diese in seinem Blick in jeder Sekunde rekapituliert, auf dem Sprung messianischer Augenblick zu sein, wird Ur-sprung zum Ziel, herausgesprengt aus dem historischen Verlauf. 

Die Zukunft hinter dem Rücken haben, אַחֲרִית (aharit, aharon/Ende, Zukunft, letzte Zeit) – der Engel der Geschichte wird vom Sturm, der aus dem Osten kommt, rückwärts in die Zukunft getrieben. Die Zukunft hinter sich zu haben, bedeutet demnach nicht, mit ihr abgeschlossen zu haben. 

Benjamin schließt seine geschichtsphilosophischen Thesen mit dem Anhang B:

„Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.“

Es gibt sie also, die Hoffnung – dass die Sekunde des Chronos sich in den Augenblick des Kairos verwandeln kann. Doch nicht für Benjamin selbst. Bis zuletzt, bis er aufhören musste, hoffnungslos zu sein. Die geschichtsphilosophischen Thesen sind Benjamins letzte Texte. Zurückweichend vor der Katastrophe, die (nicht nur) über Europa und die dort Lebenden hereinbricht, kann er sich letztendlich nicht retten. In der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 nimmt er sich im spanischen Grenzort Port-Bou das Leben, die drohende Auslieferung an die Schergen des NS vor Augen. Seinen Angelus Novus, das Bild von Klee, hatte er zu Beginn seiner Flucht Georges Bataille übergeben, zusammen mit einem letzten Konvolut seiner Schriften. 

Der Angelus Novus kündet für Benjamin also nicht nur von drohendem Unglück, sondern auch von der möglichen Ankunft des Messias zu jeder Sekunde. Dieser wird die Wunden der Vergangenheit zwar nicht heilen, die Geschichte jedoch um eine entscheidende Nuance verändern. Als historischem Materialisten ist Benjamin die Geschichte keine lineare, kontinuierlich fortschreitende Zeit (Chronos), sondern eine der Brüche, Risse, in denen Utopisches, Messianisches liegt. Nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern, in der Zeit des Endes, in jedem gelungenen Augenblick, der jederzeit in der chronologisch fortschreitenden Zeit sich als Jetztzeit manifestieren kann.

Vielleicht ist es ja dem ähnlich, was Freud meint, wenn er in den Studien zur Hysterie davon schreibt, dass schon viel gewonnen sei, (hysterisches) Leid in gemeines Unglück verwandeln zu können. Nicht um Leidensbeseitigung geht es Freud, sondern um eine qualitative Verwandlung – oder um eine Veränderung des Blickwinkels.

Doch was sehen Engel? Vielleicht sind sie blind und ihre Augen keine Spiegel, sondern alte Tore, durch die niemand mehr tritt. Vielleicht sind sie keine Wesen, sondern Ereignisse, die verpasst bleiben. Vielleicht sind ihre Augen Fenster, die keine Aussicht bieten und alles reflektieren. Vielleicht tun Engel nichts, weil sich das Universum schneller entfaltet und zugleich zusammenzieht ganz ohne sie – und sie von draußen lauschen, was gehört wird. Vielleicht sehen sie nichts, weil fast nichts zu hören ist – wie ein verebbender Puls. Und darauf lauschen sie. Visio beatifica – die glückselige Vision von Engeln (und Menschen), in der sie Gottes unmittelbar sehen und erkennen können – ein Blick, der alle verstummen macht, um alle zu erschaffen. Vielleicht ist das Sehen der Engel ein Tonfall, der mehr ist als hoch. Vielleicht sind Engel nicht da – und gerade deshalb stimmt es, wie es ist.

Und: Wie sehen Engel? Fokussieren sie ihre Augen auf jeweils ein Geschehen? Konzentrieren sie sich als Schutzengel auf einen, auf ihren Menschen? Preisen sie Gott im Moment ihres Entstehens und Vergehens mit Spiegelaugen? Oder ist ihr Sehen ein schweifender Blick, der interesselos umherstreift, mit oder ohne Wohlgefallen? Oder von einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit, dem Hören des Analytikers hinter der Couch ähnlich? Dann läge in ihm ein Interesse, und jemand, der in seine Bahn gerät, wird sich in ihm als gemeint erkennen, ahnungslos ob seiner Quelle …

Und liegt ihre Botschaft in der Art und Weise, wie sie all dies offenbaren, denen, die sich von den Verwaltern des Glanzes nicht blenden lassen und die die Gewalt der Verkünder des Fortschritts zumindest für die kurze Spanne zwischen zwei Augenblicken außer Kraft setzen können, jene Spanne, die die Möglichkeit einer anderen Geschichte antizipiert?

Marlen Wagner
Tom Sojer
Robert Krokowski